Willkommen auf der neuen Website der Familie. Nichts, was hier steht, erhebt irgendeinen Anspruch …
Familie Lorenz
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Familie Lorenz
Stell dir eine Welt vor, in der niemand hungern muss. Keine Feinde lauern im Schatten. Keine Krankheiten bedrohen das Leben. Die Wohnungen sind perfekt, die Ressourcen unbegrenzt. Was würde geschehen? Würden wir aufblühen – oder zugrunde gehen?
John B. Calhoun stellte genau diese Frage. Nicht an Menschen, sondern an Mäuse. Im Jahr 1968 erschuf der amerikanische Verhaltensforscher ein Paradies für Nagetiere: 2,7 Quadratmeter Lebensraum, ausgestattet mit allem, was Mäuse zum Überleben brauchen – und mehr. Unbegrenzt Futter. Frisches Wasser. Nistmaterial im Überfluss. Keine Raubtiere. Keine Gefahren.
Was folgte, war kein Paradies. Es war ein Albtraum. Und die Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft sind frappierend; Dieses Experiment lädt uns ein, über die Bedingungen menschlichen Gedeihens nachzudenken – besonders in einer Zeit, in der psychische Erkrankungen trotz materiellem Wohlstand dramatisch zunehmen.
Am 9. Juli 1968 setzte Calhoun vier Mäusepärchen in seinen perfekten Käfig. Die ersten 104 Tage verliefen unauffällig – die Mäuse erkundeten ihr neues Zuhause, etablierten Territorien, begannen sich fortzupflanzen. Alles schien nach Plan zu verlaufen.
Dann kam die Wachstumsphase. Zwischen Tag 105 und 315 verdoppelte sich die Population alle 55 Tage. Die sozialen Strukturen funktionierten noch: Männchen verteidigten Reviere, Weibchen zogen Junge auf, Hierarchien waren klar. Das Paradies schien zu funktionieren.
Doch ab Tag 315 begann etwas Unheimliches. Das Wachstum verlangsamte sich drastisch – nicht, weil der Platz knapp wurde. Der Käfig bot Raum für 3.840 Mäuse, doch die Population erreichte nie mehr als 2.200. Stattdessen brachen die sozialen Rollen zusammen. Männchen verloren ihre territorialen Funktionen. Weibchen vernachlässigten ihren Nachwuchs. Aggression und Apathie nahmen zu.
Und dann erschienen sie: die „Beautiful Ones".
Diese Mäuse zogen sich vollständig zurück. Sie fraßen, schliefen, putzten sich – ihr Fell glänzte makellos. Aber sie taten nichts mehr. Keine sozialen Kontakte. Keine Paarung. Keine Kämpfe. Äußerlich perfekt, innerlich leer. Sie existierten, aber sie lebten nicht mehr.
Ab Tag 560 wurden keine Jungtiere mehr geboren, die überlebten. Die Population begann zu schrumpfen. Am Ende starb die letzte Maus. Das Paradies war zur Hölle geworden. Calhoun nannte dieses Phänomen „Behavioral Sink" – Verhaltenssenke. Ein Punkt, an dem soziales Verhalten kollabiert, obwohl alle materiellen Bedürfnisse erfüllt sind.
Universe 25 war ein geschlossenes System ohne Auswanderungsmöglichkeit. Die Mäuse konnten weder fliehen noch ihre Umgebung grundlegend verändern. Menschen hingegen verfügen über etwas Entscheidendes: Sprache, Reflexionsfähigkeit, Kultur und Technologie. Wir können Strukturen hinterfragen, verändern und neu gestalten. Wir können Sinn bewusst konstruieren – selbst unter widrigen Umständen.
Calhoun selbst betonte die Grenzen seiner Forschung. „Ratten und Mäuse sind keine Menschen", räumte er 1971 im Spiegel-Interview ein. Er nutzte Universe 25 nicht als empirischen Beweis, sondern als Denkwerkzeug – eine Metapher, die Fragen aufwirft, nicht Antworten diktiert.
Die wissenschaftliche Forschung ist sich einig: Direkte Übertragungen von Tierexperimenten auf komplexe menschliche Gesellschaften sind methodisch problematisch. Und dennoch: Die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Calhouns Beobachtungen und heutigen gesellschaftlichen Phänomenen sind frappierend. Sie laden uns ein zu fragen: Welche Bedingungen braucht menschliches Gedeihen? Reicht materielle Versorgung aus – oder braucht es mehr?
Was folgt, sind keine kausalen Beweise, sondern Beobachtungen, die zum Nachdenken anregen. Nicht mehr – aber auch nicht weniger.
Sie sind äußerlich versorgt, digital vernetzt, materiell abgesichert. Doch etwas Entscheidendes fehlt: die Verbindung. Nicht die technische – die existenzielle. Die modernen „Beautiful Ones" leben unter uns, oft unsichtbar, weil ihr Rückzug nicht physisch ist, sondern emotional.
Der digitale Raum wird zum Refugium. Parasoziale Beziehungen ersetzen echte Bindungen – wir folgen Influencern, als wären sie Freunde, konsumieren fremde Leben in Echtzeit, während das eigene auf Pause steht. „Doomscrolling", das zwanghafte Scrollen durch negative Nachrichten, wird zur modernen Verhaltenssenke: eine Aktivität ohne Ziel, ohne Befriedigung, ohne Ende. Man scrollt, weil man scrollt. Wie die Mäuse, die sich putzten, weil sie sich putzten.
Parallel dazu entsteht eine Kultur der Selbstoptimierung, die paradoxerweise keine Selbstverwirklichung hervorbringt. Fitness-Tracker zählen Schritte, Produktivitäts-Apps strukturieren den Tag, LinkedIn-Profile dokumentieren jeden Karriereschritt. Äußerlich perfekt kuratiert – aber wofür? Die Psychologie Heute bringt es auf den Punkt: „Selbstverwirklichung ist oft Selbstbespiegelung." Der Blick richtet sich nach innen, findet dort aber nichts. Keine Tiefe. Keinen Kern. Keinen Sinn.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 57 % der jungen Menschen in Europa fühlen sich einsam. In Deutschland ist es jede zweite Person unter den jungen Erwachsenen. Das Paradox könnte größer nicht sein – die Generation, die digital am stärksten vernetzt ist, ist emotional am meisten isoliert. Jüngere Menschen sind einsamer als ältere, trotz oder gerade wegen ständiger Erreichbarkeit.
Dass Großbritannien 2018 ein Ministerium für Einsamkeit einrichtete, ist mehr als eine politische Kuriosität. Es ist ein Eingeständnis: Was einst als individuelles Problem galt, ist zu einer gesellschaftlichen Krise geworden. Die Bertelsmann-Stiftung fordert ähnliche Strukturen für Deutschland. Einsamkeit wird behandelt wie eine Epidemie – weil sie eine ist.
In den extremsten Fällen führt dieser Rückzug zur vollständigen Isolation. In Japan nennt man sie Hikikomori – Menschen, die sich vollständig aus der Gesellschaft zurückziehen, oft jahrelang ihre Wohnung nicht verlassen. Was lange als spezifisch japanisches Phänomen galt, breitet sich mittlerweile auch in Europa aus. Frankreich, Italien, Spanien melden steigende Zahlen. Es ist der vollständige Rückzug – wie bei den „Beautiful Ones" im Käfig, die zwar lebten, aber nicht mehr am Leben teilnahmen.
Die sozialen Rollen und Strukturen, die über Jahrhunderte Orientierung boten, lösen sich auf. In vielen Bereichen ist das ein Fortschritt – Emanzipation, Individualisierung, Freiheit von starren Normen. Doch jede Befreiung hinterlässt auch ein Vakuum. Die alten Antworten funktionieren nicht mehr, aber neue haben sich noch nicht etabliert. Die Fragen bleiben: Wer bin ich? Was ist meine Aufgabe? Welche Verantwortung trage ich? Wofür stehe ich?
Nirgendwo zeigt sich diese Orientierungslosigkeit deutlicher als in der Arbeitswelt. Der Anthropologe David Graeber prägte den Begriff „Bullshit Jobs" für Tätigkeiten, bei denen selbst die Ausführenden keinen erkennbaren gesellschaftlichen Beitrag sehen. Seine Studien offenbaren etwas Erschütterndes: Ein erheblicher Teil der Erwerbstätigen in westlichen Gesellschaften glaubt, dass ihre Arbeit sinnlos ist. Sie wird bezahlt, aber sie bedeutet nichts. Man funktioniert, aber man lebt nicht.
„Quiet Quitting" ist die logische Konsequenz dieser Sinnkrise. Menschen erfüllen Anforderungen, aber sie identifizieren sich nicht damit. Sie sind anwesend, aber nicht präsent. Die Pronova BKK-Studie 2024 zeigt, dass 61 % der Arbeitnehmer ein Burnout fürchten – nicht wegen zu viel Arbeit, sondern wegen zu wenig Sinn in der Arbeit. Die Erschöpfung entsteht nicht durch Überlastung, sondern durch Leere.
Auch in Beziehungen erleben wir eine ähnliche Fragmentierung. Dating-Apps versprechen unbegrenzte Auswahl und erzeugen doch oft nur Oberflächlichkeit. Die Soziologin Eva Illouz beschreibt das Phänomen der „emotionalen Kälte": Menschen schützen sich vor Verletzlichkeit, indem sie Distanz wahren. Bindungen werden „flexibel" gehalten, Optionen offen. Doch echte Intimität – die Bereitschaft, sich zu zeigen, verletzlich zu sein, sich festzulegen – nimmt ab. Man sammelt Matches wie die Mäuse Nistmaterial sammelten: ohne zu wissen, wofür.
Auf gesellschaftlicher Ebene diagnostiziert der Soziologe Andreas Reckwitz den „Modus der Dauerkrise". Der Verlust gemeinsamer Narrative und Werte führt zu Fragmentierung. Es gibt keine verbindende Geschichte mehr, die uns sagt, wer „wir" sind. Jeder sucht seinen eigenen Weg, aber viele finden keinen. Die Folge: politische Polarisierung, Misstrauen in Institutionen, Rückzug ins Private. Wie in Universe 25 ab Phase 3 brechen die Strukturen nicht zusammen, weil Ressourcen fehlen – sondern weil Orientierung fehlt.
Wir leben in einer Zeit historisch einmaligen Wohlstands. Die Lebenserwartung steigt, materielle Armut sinkt, Bildungszugang verbessert sich. Doch gleichzeitig steigen die Raten von Depressionen, Angststörungen und Suiziden. Dieses Paradox ist nicht nur statistisch erfassbar – es ist existenziell spürbar.
Die Erklärung liegt in einer einfachen, aber unbequemen Wahrheit: Materielle Versorgung schafft die Voraussetzung für ein gutes Leben, aber sie garantiert es nicht. Wenn alle Grundbedürfnisse erfüllt sind, tritt eine andere Frage in den Vordergrund: Wofür?
Wir haben Zugang zu allem Wissen der Welt – Wikipedia, YouTube, Online-Kurse, wissenschaftliche Datenbanken. Doch Wissen ist nicht Weisheit. Wissen sagt uns, wie etwas funktioniert. Weisheit sagt uns, wofür wir es nutzen sollen. Und genau diese Weisheit fehlt.
Der Psychologe Barry Schwartz beschrieb das Wahlparadox: Ab einem bestimmten Punkt macht mehr Auswahl nicht glücklicher, sondern unglücklicher. Jede Entscheidung bedeutet, auf etwas anderes zu verzichten. Die Angst wächst, die falsche Wahl zu treffen. FOMO – „Fear of Missing Out" – wird zur modernen Verhaltenssenke: die ständige Angst, das Falsche zu wählen, das Wichtige zu verpassen, nicht genug zu erleben. Social Media verstärkt dieses Gefühl exponentiell. Während wir auf der Couch sitzen, scheinen andere auf Bali zu meditieren, Startups zu gründen, perfekte Beziehungen zu führen. Der Vergleich ist endlos – und vernichtend.
Traditionelle Sinnstiftungssysteme – Religion, Nation, Klassenzugehörigkeit – haben in weiten Teilen Europas ihre bindende Kraft verloren. Das ist in vielerlei Hinsicht eine Befreiung: von Dogmen, von Zwang, von Enge. Doch es hinterlässt auch eine Leerstelle. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die neue „Religiosität und Sinnsuche in modernen Gesellschaften": Viele suchen Sinn in Ersatzformen – Konsum als Identitätsstiftung, Wellness als Heilsversprechen, Selbstoptimierung als Lebensaufgabe.
Diese Quellen bleiben oft oberflächlich. Sie geben kurzfristige Befriedigung, aber keine dauerhafte Erfüllung. Sie stillen den Hunger nicht – sie betäuben ihn nur. Wie die Mäuse in Universe 25, die unbegrenzt Futter hatten, aber dennoch verhungerten. Nicht physisch, sondern existenziell.
Was in Universe 25 als Metapher erscheint, lässt sich heute empirisch belegen. Die Daten zeichnen ein Bild, das nicht ignoriert werden kann.
40,9 % der Erwachsenen in Deutschland erhielten 2024 eine Diagnose einer psychischen Störung – ein historischer Höchststand.RKI Fast jeder zweite Mensch. Die Zahlen sind nicht abstrakt – sie bedeuten Millionen von Menschen, die mit Depressionen, Angststörungen oder chronischer Erschöpfung leben.
Bei Kindern und Jugendlichen ist die Entwicklung besonders alarmierend. 19 % aller stationären Krankenhausbehandlungen von 10- bis 17-Jährigen waren 2022 aufgrund psychischer Erkrankungen. Statistisches Bundesamt Eine Generation wächst heran, die trotz materiellem Wohlstand psychisch leidet.
Die Zunahme ist dramatisch: 25 % mehr Depressionen und Angststörungen in den letzten Jahren – das entspricht etwa 4 Millionen Menschen zusätzlich.AMEOS Der DAK-Psychreport 2024 verzeichnet einen erneuten Höchststand bei psychisch bedingten Fehltagen im Job.DAK Die ökonomische Dimension ist gewaltig: 9,5 Milliarden Euro Krankheitskosten allein durch Depressionen.AOK
Doch hinter diesen Zahlen steht eine unbequeme Frage: Warum nehmen psychische Erkrankungen zu, während objektive Lebensbedingungen sich in vielen Bereichen verbessern?
Die Antwort liegt teilweise in der Einsamkeit. 57 % der jungen Menschen in Europa fühlen sich einsam, in Deutschland sind es 51 %.Bertelsmann Mehr als jeder Zweite. Das Einsamkeitsbarometer 2024 des Bundesfamilienministeriums zeigt: Millionen Menschen in Deutschland fühlen sich sozial isoliert.BMFSFJ Der Zusammenhang mit psychischer Gesundheit ist eindeutig: 94 % der Bundesbürger glauben, dass Einsamkeit und soziale Isolation Auslöser von Depressionen sind.Deutsche Depressionshilfe Einsamkeit ist nicht nur ein unangenehmes Gefühl – sie macht krank. Studien zeigen, dass chronische Einsamkeit ähnlich gesundheitsschädlich ist wie Rauchen oder Übergewicht.
Besonders bemerkenswert: Einsame Menschen nehmen seltener an Wahlen teil.BMFSFJ Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles, sondern auch ein demokratisches Problem. Wer sich nicht verbunden fühlt, zieht sich auch aus der Gesellschaft zurück.
61 % der Arbeitnehmer fürchten ein Burnout.Pronova BKK Die Hauptgründe: Überstunden (34 %) und ständiger Termindruck (32 %).Ärzteblatt Deutschlands Erwerbstätige befinden sich im Dauerstress – nicht, weil sie ums Überleben kämpfen, sondern weil die Arbeit keinen Sinn mehr ergibt.
Bei Lehrkräften ist die Situation besonders dramatisch: Mehr als ein Drittel hat ein erhöhtes Burnout- und Stressrisiko.Bosch-Stiftung Die Menschen, die die nächste Generation prägen sollen, sind selbst am Limit.
Diese Daten zeichnen ein klares Bild: Nicht Mangel macht uns krank – sondern Sinnverlust im Überfluss. Während viele objektive Lebensbedingungen sich verbessern – Lebenserwartung, materielle Sicherheit, Bildungszugang – verschlechtert sich die subjektive Lebensqualität in zentralen Bereichen: psychische Gesundheit, soziale Verbundenheit und Sinnerleben.
Wie die Mäuse in Universe 25 haben wir alles, was wir zum Überleben brauchen. Aber reicht das zum Leben?
Was John Calhoun 1968 bei Mäusen beobachtete, hatte der Wiener Psychiater Viktor Frankl bereits in den 1930er-Jahren bei Menschen diagnostiziert: das existenzielle Vakuum – einen Zustand der Sinnleere, der entsteht, wenn das „Wozu" des Lebens verschwindet.
Frankl war kein Theoretiker im Elfenbeinturm. Er überlebte vier Konzentrationslager – Theresienstadt, Auschwitz, Kaufering, Türkheim. Seine Eltern, sein Bruder, seine erste Frau wurden ermordet. Wenn irgendjemand das Recht hatte, am Sinn des Lebens zu zweifeln, dann er. Doch genau dort, im absoluten Grauen, entwickelte er seine zentrale These: Der Mensch kann fast alles ertragen – außer Sinnlosigkeit.
Nach der Befreiung schrieb er in nur neun Tagen sein Hauptwerk „...trotzdem Ja zum Leben sagen". Es wurde zu einem der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts.
Frankls Diagnose der modernen Gesellschaft war präzise und unbequem: „Die Überflussgesellschaft bringt einen Überfluss an Freizeit mit sich – aber keinen Sinn." Hanniel.ch Die technologische Moderne entfremdet den Menschen von seinen Traditionen und Werten. Purpose-Magazin Was bleibt, ist ein Vakuum – eine innere Leere.
Dieses existenzielle Vakuum manifestiert sich in Burnout, Boreout, chronischer Langeweile, innerer Leere – den Symptomen unserer Zeit. Die Parallele zu Universe 25 ist frappierend: Auch die Mäuse litten nicht an Mangel, sondern an Bedeutungslosigkeit. Ihre Verhaltenssenke entspricht dem, was Frankl beim Menschen als existenzielles Vakuum beschrieb. Beide Phänomene zeigen: Versorgung allein reicht nicht. Ohne Sinn verkümmert das Leben – auch im Überfluss.
Frankl widersprach sowohl Freud als auch Adler fundamental. Der Mensch wird nicht primär von Lust getrieben, wie Freud behauptete. Auch nicht von Macht, wie Adler meinte. Sondern vom „Willen zum Sinn" – dem Bedürfnis, etwas Bedeutsames zu tun, Teil von etwas Größerem zu sein.
Dieser Wille zum Sinn ist kein Luxus, sondern ein psychisches Grundbedürfnis. Fehlt er, entstehen die Symptome, die wir heute massenhaft beobachten: Depression trotz Wohlstand, Erschöpfung trotz Komfort, Einsamkeit trotz Vernetzung.
Frankl identifizierte drei Kategorien von Werten, durch die Menschen Sinn erfahren können:
Schöpferische Werte entstehen, wenn wir etwas in die Welt bringen – durch Arbeit, Kunst, Projekte, Kinder. Es ist das Gefühl, etwas zu gestalten, das über uns hinausweist. Nicht Selbstverwirklichung als Selbstbespiegelung, sondern als Beitrag.
Erlebniswerte empfangen wir aus der Welt – durch Liebe, Natur, Kultur, tiefe Beziehungen. Es ist die Fähigkeit, sich berühren zu lassen, sich hinzugeben, präsent zu sein. Nicht Konsum, sondern Erleben.
Einstellungswerte zeigen sich in der Haltung zu unvermeidlichem Leid – Würde im Leiden, Mut, Verantwortung. Selbst wenn wir nichts mehr tun oder erleben können, bleibt uns die Freiheit, wie wir dazu stehen.
Entscheidend ist: Sinn kann nicht direkt angestrebt werden. Er entsteht als Nebenprodukt von Hingabe an eine Aufgabe oder einen Menschen. Die Psychologie Heute formuliert es treffend: Selbstverwirklichung ohne Selbsttranszendenz ist oft nur „Selbstbespiegelung" – äußere Perfektion ohne innere Erfüllung.Psychologie Heute
Die Frage, die Frankl aufwirft, bleibt aktuell: Wenn alle Grundbedürfnisse erfüllt sind – wofür leben wir dann?
Die Idee, dass Wohlstand zum Verfall führen kann, ist nicht neu. Immer wieder in der Geschichte wurden Gesellschaften als „dekadent" bezeichnet – meist dann, wenn materieller Überfluss mit moralischer Orientierungslosigkeit zusammentraf.
Das spätrömische Reich ist das bekannteste Beispiel. Während die Städte in Luxus schwelgten, verloren die alten republikanischen Tugenden – virtus, pietas, Bürgerpflicht – ihre bindende Kraft. „Brot und Spiele" ersetzten politische Teilhabe. Die Eliten zogen sich in ihre Villen zurück. Zeitgenossen wie Augustinus klagten über den moralischen Verfall. Doch die moderne Forschung zeigt: Der Untergang war komplex – Klimawandel, Seuchen, Migration, ökonomische Faktoren spielten zusammen.GEO „Dekadenz" war oft ein moralisches Urteil, keine wissenschaftliche Analyse.
Ähnliches gilt für die Belle Époque, jene glänzende Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Technologischer Fortschritt, kulturelle Blüte, Wohlstand – und darunter eine wachsende Orientierungslosigkeit. Julian Barnes beschreibt in seinem Roman „Der Mann im roten Rock" die „interessanten Parallelen zu heute".Deutschlandfunk Kultur Eine Gesellschaft, die äußerlich glänzte, aber innerlich brüchig war.
Der Begriff „Dekadenz" ist historisch schwer belastet. Die Nationalsozialisten nutzten ihn synonym zu „entartet", um moderne Kunst, Kultur und ganze Bevölkerungsgruppen zu diffamieren.Wikipedia Dekadenz Autoritäre Bewegungen haben immer wieder den vermeintlichen Verfall beklagt – und sich selbst als Retter inszeniert. Der Begriff impliziert eine moralische Überlegenheit früherer Zeiten und übersieht systematisch die Fortschritte: Menschenrechte, Gesundheitsversorgung, Bildungszugang, Gewaltreduktion.
Zudem ist „Dekadenz" ein Kampfbegriff, der heute von rechten Bewegungen genutzt wird, um liberale Gesellschaften zu delegitimieren. Wer von Dekadenz spricht, steht schnell im Verdacht, reaktionäre Positionen zu vertreten.
Deshalb sprechen wir hier vom Wohlstandsparadox: dem Phänomen, dass psychisches Leiden zunimmt, während materielle Lebensbedingungen sich verbessern. Dieser Begriff beschreibt das Phänomen ohne moralische Wertung. Er erkennt an, dass materielle Versorgung eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für menschliches Gedeihen ist. Er fragt nicht nach Schuld, sondern nach Bedingungen. Nicht: „Wer ist schuld am Verfall?" Sondern: „Was brauchen Menschen, um auch im Wohlstand zu gedeihen?"
Es geht nicht um die Rückkehr zu vermeintlich besseren Zeiten. Es geht um die Gestaltung einer Zukunft, in der materielle Versorgung und existenzielle Erfüllung zusammenkommen können.
Universe 25 endete mit dem Aussterben der Population. Aber wir sind keine Mäuse in einem geschlossenen Käfig. Wir haben Sprache, Reflexionsfähigkeit, die Fähigkeit zur bewussten Veränderung.
Frankl beschrieb es als Selbsttranszendenz: Sinn entsteht, wenn wir über uns hinauswachsen. Wenn wir Teil von etwas werden, das größer ist als wir selbst.
Das kann die Familie sein, für die du da bist, wenn es schwierig wird. Die Nachbarschaft, in der du nicht nur wohnst, sondern lebst. Ein Verein, eine Initiative, eine Bewegung, die deine Zeit und Energie braucht. Es kann die Arbeit sein, wenn sie einem Zweck dient, der über das Gehalt hinausgeht. Es kann Kunst sein, Politik, Handwerk, Pflege, Lehre – alles, was einen Beitrag leistet.
Der Fokus verschiebt sich: Nicht mehr „Was bringt mir das?", sondern „Was wird besser, weil es mich gibt?"
57% der jungen Menschen fühlen sich einsam. Vielleicht, weil zu viel um das Selbst kreist. Selbstoptimierung, Selbstverwirklichung, Selbstfindung – alles dreht sich ums Selbst. Aber Sinn entsteht nicht in der Selbstbespiegelung. Er entsteht in der Hingabe. In dem Moment, in dem der Fokus wechselt von „Was fehlt mir?" zu „Wo werde ich gebraucht?"
Robert Baden-Powell, der Gründer der Pfadfinderbewegung, schrieb mit fast 90 Jahren in seinem letzten Brief: „Das eigentliche Glück aber findet Ihr darin, daß Ihr andere glücklich macht. Versucht, die Welt ein bißchen besser zurückzulassen, als Ihr sie vorgefunden habt."
Dieser Gedanke – die Welt ein bisschen besser zurückzulassen – führt zu einem Begriff, der altmodisch klingt. Fast autoritär. Aber vielleicht liegt darin eine Wiederentdeckung, die wir dringend brauchen: Dienst – nicht als Pflicht, die uns auferlegt wird, sondern als Möglichkeit, die wir ergreifen.
In vielen Ländern gibt es Formen des Gesellschaftsdienstes: Freiwilligendienste, Bundesfreiwilligendienst, früher der Zivildienst. Ein Jahr, in dem junge Menschen etwas tun, das nicht ihrer Karriere dient, sondern der Gemeinschaft. Pflege. Bildung. Umweltschutz. Soziale Arbeit.
Die Erfahrung zeigt etwas Bemerkenswertes: Wer dient, gewinnt. Nicht materiell, sondern existenziell. Wer gebraucht wird, fühlt sich weniger einsam. Wer Verantwortung trägt, entwickelt Haltung. Wer beiträgt, findet Sinn. Nicht als Nebeneffekt, sondern als Kern der Erfahrung.
Dienst muss nicht institutionalisiert sein. Er kann auch im Kleinen beginnen: Die ältere Nachbarin, die Hilfe beim Einkaufen braucht. Das Kind, das einen Mentor sucht. Die Initiative, die Hände braucht, nicht nur Spenden. Die Bereitschaft, Zeit zu geben, nicht nur Geld.
Es geht nicht um Heldentum. Es geht um Präsenz. Darum, da zu sein, wenn du gebraucht wirst.
Doch Engagement und Dienst brauchen ein Fundament. Frankl wusste das. Bevor wir uns hingeben können, brauchen wir Klarheit darüber, wer wir sind und wofür wir stehen. Diese Klarheit entsteht nicht durch mehr Information. Sie entsteht durch Reflexion – im Schreiben, im Gespräch, in der Stille. Manche finden sie in der Natur, andere in der Therapie, wieder andere im Austausch mit Menschen, die wirklich zuhören.
Und aus dieser Klarheit erwächst Haltung. Die „Beautiful Ones" in Universe 25 hatten keine Haltung mehr. Sie existierten, aber sie standen für nichts. Sie waren perfekt angepasst – und genau deshalb verloren. Haltung entsteht nicht im Komfort. Sie entsteht in der Auseinandersetzung. Mit dir selbst. Mit anderen. Mit der Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte.
Haltung zu haben bedeutet nicht, immer recht zu haben. Es bedeutet, aufzustehen für das, woran du glaubst. Auch wenn du zitterst. Auch wenn du zweifelst. Vielleicht gerade dann.
Das Wohlstandsparadox zeigt uns etwas Schmerzhaftes: Wir haben alles – und doch fehlt etwas Entscheidendes. Die Mäuse in Universe 25 hatten auch alles. Aber sie hatten keine Aufgabe mehr. Keine Herausforderung. Keinen Grund, morgens aufzustehen. Keinen Grund zu kämpfen – nicht gegen, sondern für etwas.
Eine Wahl steht vor uns. Weiter optimieren, konsumieren, uns zurückziehen in unsere perfekt kuratierten Leben. Oder innehalten und erkennen: Wir sind hier für etwas. Die Welt braucht etwas von uns. Irgendwo werden wir gebraucht.
Die Antwort liegt nicht in einem Ministerium, nicht in einer App, nicht in einem Selbsthilfebuch. Sie liegt in dir. In der Entscheidung, Verantwortung zu übernehmen. Haltung zu entwickeln. Dich einzubringen – nicht perfekt, nicht heldenhaft, aber aufrichtig.
Die „Beautiful Ones" hatten aufgehört zu kämpfen. Sie hatten aufgehört zu hoffen. Sie hatten aufgehört zu glauben, dass ihr Dasein einen Unterschied macht. Vielleicht braucht es kein Kämpfen. Aber es braucht ein Einstehen. Für etwas. Für jemanden. Für eine Idee, die größer ist als du selbst.
1968 baute John Calhoun ein Mäuseparadies. Vier Jahre später war es ausgestorben. Nicht durch Hunger, nicht durch Krankheit, nicht durch äußere Feinde. Sondern durch Sinnlosigkeit.
Universe 25 sollte ein Experiment über Überbevölkerung sein. Es wurde zu etwas anderem: einer Warnung. Einer Frage an uns. Was passiert, wenn alle Grundbedürfnisse erfüllt sind – aber nichts mehr zu tun bleibt?
Wir kennen die Antwort inzwischen. 40,9 % der Erwachsenen in Deutschland mit einer Diagnose psychischer Störung. 57 % der jungen Menschen fühlen sich einsam. 61 % fürchten ein Burnout. Wir haben mehr als je zuvor – und leiden wie nie zuvor.
Das ist das Wohlstandsparadox. Nicht Mangel macht uns krank, sondern Sinnverlust im Überfluss.
Viktor Frankl wusste es schon in den 1930er-Jahren: Der Mensch kann fast alles ertragen – außer Sinnlosigkeit. Wenn das „Wozu" verschwindet, verkümmert das Leben. Auch im Komfort. Vielleicht gerade im Komfort.
Aber wir sind keine Mäuse. Wir haben Sprache, Reflexionsfähigkeit, die Fähigkeit zur Veränderung. Universe 25 endete mit dem Aussterben. Unsere Geschichte ist noch offen.
Die Lösung liegt nicht in weniger Wohlstand. Sie liegt in mehr Sinn. In der Wiederentdeckung dessen, was uns trägt: Engagement, das über uns hinausweist. Beziehungen, die tragen. Haltung, die bleibt – auch wenn es unbequem wird.
Die „Beautiful Ones" hatten aufgehört zu kämpfen. Nicht gegen Feinde, sondern für etwas. Sie hatten aufgehört zu glauben, dass ihr Dasein einen Unterschied macht.
Wir haben diese Wahl noch. Wir können weiter optimieren, konsumieren, uns zurückziehen. Oder wir können innehalten und erkennen: Irgendwo werden wir gebraucht.
Universe 25 war ein geschlossenes System. Unsere Welt ist es nicht. Du bist nicht allein in diesem Käfig. Und der Käfig ist nicht geschlossen.
Der Hühnerstall auf unserem Grundstück ist 50 Jahre älter als das Haus und Mitte der 30er Jahre gebaut. Nachdem wir das Dach, dass vollkommen überwuchert war, freigelegt haben und die Hecke drumrum entfernt haben, möchten wir uns an die Sanierung begeben. Alle Dachbalken müssen ausgetauscht und neue Fenster eingebaut werden. Die verrotten nur noch vor sich hin. Bei der Gelegenheit wollen wir das Dach nach hinten bis zur Grundstückgrenze verlängern und einen Unterstand für Holz, Schubkarren und ähnliches zu gewinnen. Baugleiche Dachpfannen haben wir bereits gefunden und geschenkt bekommen.
Was machen wir mit der Südwand, an der es nur ein großes Fenster gibt? Nachdem die große Hecke an der Grundstücksgrenze verschwunden ist und der kranke Birnbaum gefällt wurde, überlegen wir dort Spalierobst zu ziehen. Am liebsten Äpfel oder sogar Marillen. Und für ein paar Rosen oder eine Glyzinie ist immer Platz.
Eine kleine Holzterrasse ist an der Stirnseite unseres Wohnzimmers schon entstanden, auf der der Strandkorb, den wir zum 20. Hochzeitstag geschenkt bekommen haben, seinen Platz gefunden hat. Die große Terrasse ist zwar sehr ordentlich angelegt worden, aber die Betonstein sind nicht wirklich das, was wir schön finden. Auch diese Terrasse möchten wir gerne mit Holz überbauen, sodass ein ebenerdiger Zugang vom Haus aus, entstehen würde.
Inzwischen ist es drei Monate her, dass unsere Clara uns verlassen hat. 17 Jahre ist sie alt geworden.
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