mentale Korruption
Die Angst, nicht dazuzugehören, ist älter als jede Zivilisation. Sie saß am Lagerfeuer unserer Vorfahren und flüsterte: Wer ausgestoßen wird, stirbt. Heute überlebt man auch allein – aber die Angst bleibt dieselbe.
Autoritäre Macht kennt diese Schwachstelle. Sie isoliert, atomisiert, macht aus Gemeinschaften Ansammlungen einsamer Individuen. Wer allein ist, fügt sich – und beweist seine Loyalität: durch Anpassung, durch Lügen, durch Schweigen. Das erste Mal kostet Überwindung. Das zweite weniger. Das dritte wird zur Gewohnheit. So zerfrisst Angst die Seele, Wirbel für Wirbel. Psychologen nennen das mentale Korruption: die erste Zutat, die eine demokratische Kultur in eine autoritäre umformt.
Doch wo Menschen einander finden, entsteht etwas anderes: gegenseitige Stärkung statt Unterwerfung. Die Frage ist nicht, ob wir Angst haben – die Frage ist, mit wem wir sie teilen. Kleine Akte der Solidarität zeigen: Wir sind nicht allein. Und wer nicht allein ist, muss sich nicht fügen.
Inspiriert durch einen Text von Marie-José Kolly: Du gehörst nicht dazu - Warum Menschen fürchten, ausgeschlossen zu werden.